Die Zeit von 1933 - 1960

Das folgenschwere Jahr 1933 bricht an. Das "Tausendjährige Reich" seligen Angedenkens war angetreten, einen "neuen Geist" in alle Institutionen zu tragen. Auch am MTV konnte das unheilschwangere politische Geschehen nicht unbemerkt vorübergehen. Der wesentliche Einfluss von "Oben" kam mit der Weisung, das Führerprinzip und die unmenschlichen Arierbestimmungen in die Vereinsstatuten aufzunehmen. Anstelle des bisherigen Ersten Vorsitzenden war ein Vereinsführer zu wählen und die Arierbestimmung lautete kurz und bündig: "Juden raus!" Natürlich mussten auch die Wettkampfbestimmungen ideologisch angeglichen werden. Das bisherige Gaujugendturnfest erhielt im Jahre 1933 den neuen Zeitgeistnamen "NSDAP-Jugendturnfest". Statt der Waldläufe wurden Gepäckmärsche in das Programm aufgenommen. All das konnte den in einem halben Jahrhundert gewachsenen Turnergeist nicht verdrängen. Diese unheilvolle politische Einflussnahme auf das Vereinsleben verkraftete der MTV auf seine Art. Die turnerischen und sportlichen Prinzipien hatten nach wie vor Vorrang vor jeder Parteipolitik. Eine kluge Vereinsführung hatte es verstanden, ohne bei den "Oberen" anzuecken, den Zusammenhalt und die Harmonie im Verein zu wahren. Die erwähnte kluge Vereinsführung ist insbesondere dem damaligen 1. Vorsitzenden Georg Hackl und seinem Turnrat zuzuschreiben. Dem Chronisten sei deshalb gestattet, Schorsch Hackl, von Beruf Sattlermeister, einige Zeilen zu widmen. Hackl hatte sich bald nach der Jahrhundertwende dem MTV angeschlossen. In den folgenden Jahrzehnten half er in seiner Eigenschaft als Erster Turnwart eifrig mit, die Idee des Turnvaters Jahn unter dem Motto "Frisch - Fromm - Fröhlich Frei" der Turnerjugend näher zu bringen. Schließlich übernahm er auch noch das Amt des Ersten Vorsitzenden in den schwierigen Jahren 1919 - 1923 und von 1928 - 1933. Als der Ruf später noch einmal an ihn erging, die Vereinsführung zu übernehmen, stellte er sich trotz seines fortgeschrittenen Alters erneut als Erster Vorsitzender zur Verfügung

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Georg Hackl, Sattlermeister 1961
Viele Jahre aktiver Turner und Erster Turnwart, 12 Jahre Vereinsvorsitzender und später Ehrenvorsitzender

 

Turn-, Spiel- und Sportbetrieb von Politik nicht beeinflußt

Trotz dieser unerfreulichen Zeiterscheinungen herrschte reges Leben beim MTV Rosenheim. Für die mitgliederstarke Skiabteilung stand nach wie vor die vom Verein gepachtete Skihütte im Sudelfeldgebiet zur Verfügung. Die Mitglieder Sepp Diemer und Sepp Rothmayer halten Skikurse auf dem Sudelfeld und auf dem Hocheck ab. Auch im Jahre 1933 beteiligen sich MTV-Skiläufer an den Inngau-Skistaffelmeisterschaften.

Staffelübergabe bei den Inngau-Skimeisterschaften 1933
Start Nr. 74 (Hintergrund) Willy Gunzenberger, Start Nr. verdeckt Sepp Simon, Start Nr. 64 Sepp Rothmayer

Die Wahl des Ersten Vorstandes, welche erstmals Führerwahl genannt werden musste, fiel auf den Kaufmann Willi Sattler. Die Ausschuss-Mitglieder wurden damals vom Ersten Vereinsführer selbst bestimmt. Monatsversammlungen mussten angemeldet und genehmigt werden. Während das Heer der Arbeitslosen immer größer wurde, hielt der MTV an seinem turnerischen und sportlichen Auftrag fest. Das Mitglied Sepp Kasparbauer wird zum Deutschen Turnfest nach Stuttgart entsandt. Die Jugendturner nehmen mit großem Erfolg am Gauturnfest in Endorf teil und beim Bezirksturnfest in Fürstenfeldbruck läuft die 4 x 100-Meter-Sprintstaffel Gaurekord.

Gaurekordstaffel des MTV
von links: Sepp Schuster, Clemens Brehm, Sepp Oberhuber, Martin Garnreiter

Der Stadtverband für Leibesübungen, dem der MTV angehörte, wurde im Zuge des neuen Zeitgeistes aufgelöst. Die Skisportier des Vereins beteiligen sich mit Willy Gunzenberger, Sepp Rothmayer, Sepp Simon, Karl Schädler und Hans Obermaier wiederum an den Inngau-Staffelmeisterschatten. Darüberhinaus führt die rührige Wintersportabteilung auch Vereinsmeisterschatten durch

Teilnehmer an der Ski-Vereinsmeisterschaft im Sudelfeldgebiet
von links: Willy Gunzenberger, Sepp Simon, Sepp Rothmayer, Hans Obermaier ,
Max Bär und Otto Wimbauer

Die Turnhallennot bereitet den einzelnen Abteilungen des Vereins im Winterhalbjahr 1933/ 34 große Sorgen.

 

Gepäcklauf - neue Disziplin für Langstreckler

Die Langstreckler trainierten für die neu eingeführte Disziplin "Gepäcklauf" . Beim ersten Lauf dieser Art, mit 10 kg schwerem Gepäck auf dem Rücken, siegte die I\J1T\/-Staffel mit Sepp Oberhuber, Hans Obermayer, Sepp Rothmayer und Willy Gunzenberger. Dieselbe Staffel gewann für den MTV später weitere Gepäckläufe in Traunstein und Reichenhall.

Die MTV'ler auf der 15 km langen Strecke

Trotz Rezession und Arbeitslosigkeit gehen die aktiven Vereinsmitglieder wie eh und je ihrem Sport nach. Die erste Faustballmannschaft kommt von einem großen Turnier in München als Turniersieger nach Hause. Die Handballer und Schwimmer zeigen weiterhin gute Leistungen
 

Das Jubiläumsjahr 1935

MTV'ler beim Rosenheimer Faschingszug im Jubiläumsjahr 1935

Im Jubiläumsjahr wurde unter Beteiligung aller Abteilungen des Vereins ein großer Werbefestzug durch die Stadt Rosenheim veranstaltet, der mit Beifall von vielen tausend Zuschauern begleitet war. Die damals üblichen Massenfreiübungen, Leichtathletikveranstaltungen, Einzelwettbewerbe der Turner, Rundläufe und eine Lampionnacht brachten Abwechslung für die Rosenheimer Bürger. Ein von vielen Vereinen beschickter gemischter Staffellauf, bestehend aus 3000-Meter-Querfeldeinlaufen, 100-Meter-Laufen, Kanalschwimmen sowie Faltboot- und Radfahren, war der Höhepunkt im sportlichen Ablauf des Jubiläumsjahres. Ein weiterer Höhepunkt und gleichzeitig die Abschlussveranstaltung im Jubiläumsjahr war schließlich der Festabend am 5. Oktober 1935 im Hofbräusaal. Turnerische Vorführungen aller Riegen des Vereins, ungarische Tanzszenen mit stilechten Kostümen der Turnerinnen sowie ausgezeichnete artistische Nummern wechselten in bunter Folge einander ab. Stürmischer Beifall der Zuschauer erzwang häufig Dreingaben. Im Rahmen des Festabends wurden 18 verdiente Vereinsmitglieder zu Ehrenmitgliedern ernannt.

 

Der Turn- und Sportbetrieb geht weiter

Auch unter dem neuen Vereinsleiter-Duo Demmel/Schab kann das Turnhallenproblem wegen des geringen Angebots an Turnhallen und der relativ großen Anzahl an Vereinen nicht gelöst werden. Davon ließen sich die Wintersportier jedoch nicht beeindrucken. Die Inngau-Skistaffelmeisterschaften 1936 und der Oswald-Gedächtnislauf vom Abereck Schmidalm mit Ziel beim Zellerbauern bringen für die MTV-Starter gute Platzierungen. Als der Sommer 1936 ins Land zieht, organisiert der Verein wieder Waldläufe über 7,5 km und 10 km sowie gemischte Staffelläufe, die eine große Anziehungskraft auch für Vereine aus weiteren Entfernungen haben.

Die Faustballer und die Leichtathleten mit Sepp Oberhuber, Martin Garnreiter, Clemens Brehm, sowie bei den Damen Liesl Oberhuber, um nur einige zu nennen, sind weiterhin erfolgreich und feiern bei den verschiedensten Wettkämpfen im Jahre 1936 eine Reihe erster Siege und gute Platzierungen.

Auch den Stadtverband für Leibesübungen gibt es wieder, nachdem er 1933 aufgelöst worden war. Nach den Erfolgen der Skiabteilung wird unter Vorstand Schorsch Hackl auch 1937 die Skihütte am Sudelfeld wieder gepachtet und der Skiabteilung zur Verfügung gestellt.

Das traditionelle Anturnen auf dem MTV-Platz wird mit Konzert, Kunstturnen, Faustballspielen, Mannschaftsstaffelläufen und lustigen Kinderwettbewerben durchgeführt. Während die Schwimmer beim Schwimmfest am Simssee mit zwei ersten Plätzen erfolgreich sind, können die Turner beim Turnwettkampf in Altötting mit einer Reihe von Siegen aufwarten. Leichtathletikabteilungsleiter Martin Garnreiter, der in Personalunion auch Kreisfachwart für Handball war, leitet einen Handball-Lehrgang, an dem erstmals auch MTV Handballer teilnehmen.

Der Zweite Weltkrieg wirft bereits 1938 seine Schatten voraus. Viele Turnbrüder müssen ihren Wehrdienst leisten, weshalb die Mitgliederzahlen in den einzelnen Sparten zwangsläufig abnehmen.

Leider wird die Vereins-Skihütte auf dem Sudelfeld durch den Verpächter gekündigt, so daß die beliebten Skihütten-Abende der Vergangenheit angehören.

Viel Schlimmeres aber brach über das deutsche Volk und damit auch über alle Vereine mit dem am 1. September 1939 beginnenden Zweiten Weltkrieg herein. Viele MTV'ler wurden zu den Waffen gerufen und gar mancher von ihnen sah die Heimat nicht wieder. Gefallen "auf dem Felde der Ehre" - wie sich die damalige Obrigkeit schwulstig ausdrückte. Bei all dem Jammer und Elend wurde das Gebiet Oberwöhr - Aisingerwies im Kriegsjahr 1940 auch noch von einem verheerenden Hochwasser heimgesucht. Der im Jahre 1914 von MTV-Mitgliedern errichtete Turnersteg über die Mangfall wurde ein Opfer der Naturgewalten. Hierüber ist an anderer Stelle in dem Abschnitt "Die Geschichte des Turnersteges" ausführlich berichtet.

Als am 1. Mai 1945 amerikanische Panzer sich der Stadt Rosenheim näherten, war alles zu Ende. In den schweren Kriegsjahren wurden die Geschicke des MTV seit 1941 von den Vorständen Toni Karl und Sepp Kastner geleitet.

 
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